UI & UX

UX-Fehler auf Websites: Was 20 Autokonfiguratoren zeigen

Angefangen hat das Ganze nicht als Test, sondern als Autosuche.

Wir brauchen bald einen Bus. Drei Kinder, das alte Auto läuft aus dem Leasing, also habe ich mich abends aufs Sofa gesetzt und angefangen zu konfigurieren. Mercedes V-Klasse, VW Multivan, Ford Tourneo Custom, Skoda, Peugeot 5008. Alles auf dem Smartphone, so wie es die meisten Interessenten heute machen.

Nach dem dritten Konfigurator habe ich aufgehört, Autos zu vergleichen, und angefangen, Fehler zu notieren. Nicht weil ich Lust auf Kritik hatte, sondern weil sich dieselben Probleme wiederholten. Bei jedem Hersteller, unabhängig vom Fahrzeugpreis. Aus der Autosuche wurde eine Serie: über 20 Konfiguratoren, systematisch durchgeklickt und dokumentiert.

Die Fehler, die dabei auffielen, sind nicht auf Autokonfiguratoren beschränkt. Dieselben Probleme finden sich bei Online-Shops, Kontaktformularen, Buchungsstrecken und ganz normalen Unternehmens-Websites. Ein Konfigurator ist dabei kein reines Schaufenster. Er liegt nah an der Kaufentscheidung, oft direkt vor der Anfrage oder Bestellung. UX-Probleme an dieser Stelle wirken sich deshalb unmittelbar auf Conversion und Umsatz aus, nicht nur auf den Eindruck der Marke.

Wie ich getestet habe

Kein Labor, keine Probanden, keine Eyetracking-Studie. Ich bin der Nutzer, der ein Fahrzeug kaufen will, und habe getestet, wie ein echter Interessent es tun würde.

Immer mobil, weil dort der Großteil der Recherche stattfindet. Immer der komplette Weg von der Startseite bis zur Zusammenfassung. Immer mit derselben Frage: Komme ich ans Ziel, ohne nachdenken zu müssen? Dokumentiert habe ich mit Screenshots, direkt im Moment des Klickens, nicht nachträglich rekonstruiert.

Das ist kein wissenschaftlicher Anspruch. Es ist die Perspektive eines Kunden, der kurz vor der Entscheidung steht und bei dem jede Hürde zählt.

Was eine aktuelle Studie zusätzlich zeigt

Meine Beobachtungen stehen nicht allein da. Die Unternehmensberatung Simon-Kucher hat im Juni 2026 eine Studie zu 51 Auto-Konfiguratoren veröffentlicht, bewertet nach einem 100-Punkte-Katalog aus Kunden-, Hersteller- und Händlerperspektive.

Das Ergebnis: Im Schnitt erreichen die Konfiguratoren nur 46 von 100 Punkten. 55 Prozent der Hersteller liegen sogar darunter. Selbst der beste Anbieter kommt nur auf 65 Punkte, der schwächste auf 22. Als bestbewertet gelten Audi, Mercedes-Benz, Škoda und Volkswagen, allerdings weiterhin klar unter dem, was möglich wäre.

Interessant daran: Genau bei Mercedes und Audi, beides laut Studie im oberen Feld, habe ich in meinem eigenen Test handfeste Probleme gefunden. Das zeigt vor allem eines. Bestbewertet heißt in diesem Feld nicht gut, sondern am wenigsten schlecht.


UX-Fehler 1: Sticky Elemente fressen den mobilen Viewport

Das ist der Fehler, der mich am meisten überrascht hat, weil ihn kaum jemand als Fehler wahrnimmt.

Oben klebt das Fahrzeugbild, fixiert beim Scrollen. Unten klebt eine Bottom Bar mit Preis und Weiter-Button, ebenfalls fixiert. Was bleibt, ist ein schmaler Streifen in der Mitte, in dem der eigentliche Inhalt stattfindet.

Bei einem Hersteller ließ sich diese Bottom Bar zusätzlich nach oben aufziehen, mit einem eigenen Scrollbereich darin. Scrollen im Scrollbereich, auf einem Handybildschirm. Selbst eingeklappt belegte das Element den halben Bildschirm, und beim Wischen erwischt man es ständig aus Versehen.

Genau hier wird deutlich, warum Mobile UX ein eigenes Thema ist und nicht einfach eine kleinere Version der Desktop-Ansicht. Der Viewport auf dem Smartphone ist knapp. Jedes fixierte Element, jede Sticky Navigation, jeder fixierte Footer verbraucht einen Teil davon dauerhaft. Auf dem Desktop-Bildschirm fällt ein sticky Element kaum auf. Auf dem Handy ist es der Unterschied zwischen komfortabel und anstrengend, und Touch-Flächen, die durch solche Überlagerungen zu klein oder falsch platziert werden, kosten zusätzlich Präzision.

Sticky-Elemente sind nicht grundsätzlich falsch. Ein fixierter Preis kann sinnvoll sein, ein fixierter Weiter-Button auch. Kritisch wird es, wenn oben und unten gleichzeitig etwas klebt.

Was hilft: ausrechnen, wie viel Platz nach Abzug aller fixierten Elemente für den eigentlichen Inhalt bleibt. Liegt der Wert unter der Hälfte des Viewports, muss eines der Elemente weg oder kleiner werden.

UX-Fehler 2: Abstände und Padding entscheiden über Wertigkeit

Abstände sind kein Detail. Sie sind einer der Gründe, warum eine Seite hochwertig oder billig wirkt.

Bei einem Konfigurator waren die Produktkacheln so großzügig gepolstert, dass der eigentliche Inhalt winzig wirkte. Bild klein, Text klein, drumherum viel Nichts. Das Ergebnis sieht nicht luftig aus, sondern leer, und leer liest sich schnell als billig.

Der umgekehrte Fall tritt genauso häufig auf: Box in der Box in der Box. Jede zusätzliche Ebene bringt eigene Innenabstände mit, der Inhalt wird immer schmaler, der Nutzer scrollt immer länger. Bei einer Bank-Landingpage habe ich das kürzlich in Reinform gesehen, eine Checkliste mit Vorteilen, doppelt eingerückt, dadurch so schmal, dass jeder Punkt über drei Zeilen ging.

Was hilft: Bilder in Kacheln bis an den Rand ziehen, verschachtelte Container prüfen und überflüssige innere Ebenen entfernen. Bei einem Fahrzeug im sechsstelligen Bereich erwartet niemand einen Katalog-Look.

UX-Fehler 3: Fehlende visuelle Hierarchie erschwert die Orientierung

Wenn alles gleich aussieht, ist für den Nutzer nichts wichtig.

Ein Beispiel aus dem Test: eine Preisübersicht, komplett in Großbuchstaben, alles in derselben Schriftgröße und Farbe. Ausstattungsname, Aufpreis, Basispreis, Gesamtsumme sahen identisch aus. Der Nutzer musste selbst herausfinden, welche Zahl die relevante ist.

Bei einem anderen Anbieter waren Überschrift und Fließtext auf der Über-uns-Seite nicht zu unterscheiden. Gleiche Größe, gleiche Farbe, gleiches Gewicht.

Hierarchie ist kein Geschmacksthema, sondern die Anweisung an das Auge, wo es zuerst hinschauen soll. Fehlt sie, übernimmt der Nutzer diese Sortierarbeit selbst, und das kostet genau die Aufmerksamkeit, die eigentlich für die Kaufentscheidung gebraucht wird.

Was hilft: für jeden Screen festlegen, was die wichtigste Information ist, was die zweitwichtigste, was reines Beiwerk. Erst danach Größe, Gewicht und Farbe entsprechend verteilen.

UX-Fehler 4: Unklare Navigation lässt Nutzer im Unklaren

Ein Konfigurator ist ein mehrstufiger Prozess. Der Nutzer muss jederzeit wissen, wo er gerade steht und wie es weitergeht.

Bei einem Hersteller habe ich den Weiter-Button schlicht nicht gefunden. Erst nach einigem Ausprobieren stellte sich heraus: Die eigentliche Navigation lief über Tabs am oberen Rand, ohne dass irgendetwas darauf hindeutete. Funktioniert, wenn man es weiß.

Bei einem anderen Anbieter war die untere Leiste ohne jede Kennzeichnung. Kein Pfeil, keine Beschriftung wie „Weiter zum Motor“, nur ein Balken. Ein dritter Fall: Nach dem Klick auf den nächsten Schritt landete ich unten im Footer statt oben beim neuen Inhalt und musste erst zurückscrollen, um zu sehen, was passiert war.

Was hilft: Der Weiter-Button gehört sichtbar, eindeutig beschriftet und dorthin, wo der Daumen ohnehin liegt. Nach jedem Schritt sollte die Seite automatisch an den Anfang des neuen Inhalts springen, nicht irgendwohin.

UX-Fehler 5: Prozessschritte ohne echte Auswahl kosten unnötige Klicks

Das ist der Fehler, der mich am meisten Geduld gekostet hat.

Ein Konfigurationsschritt heißt zum Beispiel „Design“. Man klickt darauf, die Seite lädt, und es gibt genau eine Option. Keine Auswahl, keine Entscheidung, nur ein Element, das angeklickt werden muss, um überhaupt weiterzukommen.

Das ist kein Einzelfall. Mehrere Hersteller machen das so, vermutlich weil das System für alle Modelle gleich aufgebaut ist und bei manchen Varianten schlicht nur eine Ausstattungslinie existiert. Für den Nutzer bleibt es trotzdem ein leerer Schritt, und jeder unnötige Klick ist eine zusätzliche Gelegenheit, den Prozess abzubrechen.

Was hilft: Schritte mit nur einer Option überspringen und die Auswahl automatisch setzen. Technisch ist das eine einfache Bedingung, kein größeres Projekt.

UX-Fehler 6: Schlechter Kontrast macht Inhalte unlesbar

Der Klassiker, und er trifft ausgerechnet die wichtigste Stelle im gesamten Auftritt: den Hero-Bereich.

Ein Hersteller zeigte ein fast durchgehend dunkles Video im Hintergrund mit schwarzem Text darauf. Ein anderer ein helles Bild mit hellem Text. In beiden Fällen war die Botschaft, die eigentlich als Erstes auffallen sollte, schlicht nicht lesbar.

Der Hero-Bereich ist das digitale Schaufenster. Steht dort ein Angebot, das niemand entziffern kann, war der komplette Aufwand für Bild oder Video praktisch umsonst.

Text auf Bild funktioniert nur mit ausreichender Absicherung, etwa einem Overlay, einem Farbverlauf zur Abdunklung oder Text neben statt auf dem Bild. Das sieht manchmal weniger spektakulär aus, wird dafür aber tatsächlich gelesen.

Was Autokonfiguratoren mit Ihrer Website zu tun haben

Diese sechs Fehler sind keine Auto-Spezialität. Dieselben Muster tauchen bei praktisch jeder komplexeren digitalen Strecke auf.

Bei Kontaktformularen zeigt sich das fehlende Feedback nach dem Absenden, oder Formularfelder, die auf dem Handy zu schmal geraten sind. Bei Online-Shops sind es Produktkacheln mit verschenktem Raum, unklare Warenkorb-Navigation oder ein Checkout, bei dem der Nutzer nicht sieht, in welchem Schritt er sich befindet. Buchungsprozesse leiden häufig unter genau der Kombination aus sticky Elementen, die den nutzbaren Bildschirm einschränken, und Weiter-Buttons, die nicht als solche erkennbar sind.

Auch Produkt-Konfiguratoren außerhalb der Autobranche, etwa für Küchen, Möbel oder technische Anlagen, zeigen dieselben Schwächen. Und selbst Kundenportale oder Login-Bereiche scheitern oft an derselben fehlenden Hierarchie, die vorher bei der Preisübersicht im Auto-Konfigurator auffiel.

Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe. Sobald ein Nutzer mehrere Schritte durchlaufen muss, um zu einem Ziel zu kommen, potenzieren sich kleine UX-Schwächen. Was auf einer einzelnen Seite ein kleiner Störfaktor wäre, wird über fünf oder sechs Schritte hinweg zu echtem Absprungrisiko.

Für Unternehmen mit eigenen digitalen Prozessen heißt das: Eine UX-Analyse lohnt sich nicht nur bei offensichtlichen Problemen. Gerade die Stellen kurz vor Anfrage, Kauf oder Buchung verdienen einen genaueren Blick, weil dort jede Hürde unmittelbar Umsatz kostet.

Checkliste für die eigene Website oder Prozessstrecke

Diese sechs Fragen lassen sich auf jede Website, jeden Shop und jede mehrstufige Strecke anwenden, nicht nur auf Autokonfiguratoren:

  1. Wie viel Bildschirmfläche bleibt nach Abzug aller fixierten Elemente für den eigentlichen Inhalt?
  2. Wirken die zentralen Elemente wie Kacheln oder Karten gefüllt oder eher leer?
  3. Erkennt man in Sekundenschnelle, was die wichtigste Information auf dem jeweiligen Screen ist?
  4. Ist für den Nutzer jederzeit klar, wie er zum nächsten Schritt kommt?
  5. Gibt es Prozessschritte ohne echte Auswahlmöglichkeit?
  6. Ist jeder Text ausreichend lesbar, auch wenn er über einem Bild liegt?

Am aussagekräftigsten ist der Test auf dem eigenen Smartphone, abends, mit der einfachen Frage: Würde ich hier kaufen oder anfragen?

Häufige Fragen zu UX-Fehlern und Website-Usability

Was sind typische UX-Fehler auf Websites?
Am häufigsten treten fehlende visuelle Hierarchie, unklare Navigation, zu enge oder zu weite Abstände, schlechter Kontrast bei Text auf Bildern und unnötige Prozessschritte ohne echte Auswahl auf. Diese Fehler wiederholen sich über Branchen hinweg, von Auto-Konfiguratoren bis zu Online-Shops.

Wie kann ich die Benutzerfreundlichkeit meiner Website verbessern?
Der erste Schritt ist ein ehrlicher Selbsttest auf dem Smartphone, entlang eines typischen Nutzerwegs, etwa vom ersten Klick bis zur Anfrage. Danach helfen gezielte Anpassungen bei Hierarchie, Abständen und Navigation oft schon deutlich mehr als ein kompletter Relaunch.

Was gehört zu einem UX Audit?
Ein UX Audit prüft zentrale Nutzerstrecken auf einer Website oder in einem Shop, meist auf Desktop und Mobile getrennt. Dazu gehören Navigation, visuelle Hierarchie, Ladeverhalten, Lesbarkeit und die Frage, ob jeder Schritt für den Nutzer nachvollziehbar bleibt. Am Ende steht in der Regel eine priorisierte Liste konkreter Maßnahmen.

Warum ist Mobile UX wichtig?
Ein Großteil der Recherche vor einer Kauf- oder Anfrageentscheidung findet heute auf dem Smartphone statt. Der Viewport ist dort deutlich kleiner als am Desktop, wodurch sich Probleme wie sticky Elemente, kleine Touch-Flächen oder unklare Navigation viel stärker auswirken als am größeren Bildschirm.

Wie beeinflusst UX die Conversion Rate?
UX-Probleme wirken sich besonders dort aus, wo Nutzer kurz vor einer Entscheidung stehen, etwa bei Formularen, Checkouts oder Konfiguratoren. Jede zusätzliche Hürde an dieser Stelle erhöht das Risiko, dass jemand abbricht, ohne dass dieser Grund im späteren Tracking sichtbar wird.

Wie kann ich die Usability meiner Website selbst testen?
Am einfachsten, indem man selbst den kompletten Weg durchgeht, den ein Kunde nehmen würde, konsequent auf dem Smartphone. Die sechs Fragen aus der Checkliste oben lassen sich dafür direkt als Leitfaden verwenden.

Wie viele dieser Fehler stecken in Ihrer Website?

Ich analysiere Websites und digitale Prozesse genau dort, wo Nutzerführung, Design, Technik und Geschäftsziele aufeinandertreffen. Nicht als Checkliste von der Stange, sondern mit demselben Blick, den auch dieser Artikel zeigt.

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